Aktive Flüchtlingshilfe in Wolfsburg

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Abbau der Erstaufnahmestelle GS7 in Wolfsburg

Am Montag, 21. März, wurde die Erstaufnahmestelle in der Sporthalle der Grundschule 7 in Alt Wolfsburg abgebaut. 20 Flüchtlinge packten tatkräftig mit an, sodass die Halle innerhalb weniger Stunden freigeräumt war. Dieses Video liefert einen kurzen Einblick in die Aufräumarbeiten.
24.03.2016 09:41:00

Wolfsburg - hier entstehen Geschichten! Auch unsere Stadt ist von dem Schicksal der ankommenden Flüchtlinge berührt. Für viele Bürgerinnen und Bürger war es eine Selbstverständlichkeit, die Menschen in ihrer Not zu unterstützen. Rentnerinnen und Rentner, Erwachsene, Jugendliche, Studenten und sogar Kinder helfen auf verschiedenste Art und Weise. Manche helfen in den frühen Morgenstunden bei dem Aufbau von Betten in den Flüchtlingsunterkünften. Andere bringen den Neuankömmlingen die deutsche Sprache bei. Die Stadt Wolfsburg fängt diese besonderen Geschichten ein.

Story 10: Hand in Hand

Mohannad Alahmad und Tilman AbdulhaimSie mussten 4000 Kilometer bis nach Wolfsburg fliehen, um sich zu begegnen: Mohannad Alahmad und Tilman Abdulhaim kommen beide aus der Stadt Qamischli in Syrien, kennengelernt haben sie sich aber erst durch das städtische Projekt „Hand in Hand“ im letzten Jahr. Alahmad ist einer von derzeit 49 Ehrenamtlichen, die als Sprachmittler Geflüchteten in Wolfsburg bei Behördengängen und bei Problemen im Alltag helfen. „Ich habe das Gefühl, dass es meine Aufgabe ist, damit kann ich meiner Stadt helfen“, berichtet er auf die Frage, wieso er sich ehrenamtlich engagiert.

Für den 40-Jährigen, der 2003 nach Wolfsburg kam, ist die Arbeit bei „Hand in Hand“ an manchen Tagen fast wie ein Vollzeitjob. Dann hilft er bis zu 15 Geflüchteten ehrenamtlich dabei, die Sprachbarriere zu überwinden. Im Jobcenter sei ihm schon ein Klappbett angeboten worden, da er scheinbar 24 Stunden vor Ort sei, berichtet Mohannad lachend. Als 2015 die Zahl der Geflüchteten stark anstieg, bot er an, rund um die Uhr erreichbar zu sein. „Jetzt werde ich manchmal auch nachts angerufen und nach Hilfe gefragt, da fast alle neu angekommenen Flüchtlinge meine Handynummer haben“, berichtet Mohannad Alahmad. „Oft macht die Arbeit Spaß, manchmal ist es richtig Stress“, fasst er seine Tätigkeit zusammen.

Aus den vielen Bekanntschaften entwickeln sich auch Freundschaften. „Wir sitzen zum Beispiel in einem Café zusammen und trinken Kaffee“, erzählt Mohannad weiter. Eine solche Freundschaft ist auch zwischen ihm und Tilman Abdulhaim entstanden. Beide stammen, wie erwähnt, aus der Stadt Qamischli. Sie liegt an der Grenze zur Türkei. Früher lebten in der Stadt rund 200.000 Menschen, jetzt sind es durch den Bürgerkrieg fast drei Millionen, berichtet Mohannad Alahmad. Er war bereits vor 15 Jahren aus Syrien geflüchtet, weil er für sich und seine Familie keine sichere Zukunft in seiner Heimat sah. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und den drei Kindern am Laagberg.

Tilman Abdulhaim ist Kurde. 2014 floh er über das Mittelmeer nach Europa. In Wolfsburg lebt er seit Juni des vergangenen Jahres. „Hand in Hand“ und seinen Sprachmittler Mohannad Alahmad lernte Tilman bei der Zusammenführung seiner Familie kennen und schätzen. Mohannad Alahmad  war ihm dabei behilflich, einen Teil seiner Familie nach Wolfsburg zu holen. Später unterstützte er ihn bei weiteren Behördengängen und meldete beispielweise seine Kinder in der Schule an.

Im vergangenen Jahr gab es insgesamt 230 offizielle Einsätze des Projektes „Hand in Hand“, in diesem Jahr sind es bis jetzt 225. Mohannad Alahmad kann in den Sprachen Arabisch, Türkisch und Kurdisch behilflich sein. Für ihn und Tilman Abdulhaim ist Wolfsburg Heimat geworden. „Ich fühle mich wie ein Fisch, den man aus dem Wasser genommen hat, wenn ich nicht in Wolfsburg bin“, erzählt Mohannad. Und auch Tilman fühlt sich in Wolfsburg richtig wohl. Mit seiner Frau und den drei Kindern lebt der 41-jährige mittlerweile in einer Wohnung in Westhagen, wo er schon einige Kontakte geknüpft hat. Tilman Abdulhaim hofft, dass es später noch mehr werden, wenn er besser Deutsch sprechen kann und Arbeit hat. Sein Integrationskurs soll bald beginnen. Sein Freund Mohannad Alahmad hofft, dass er seine jetzige Tätigkeit als Sprachmittler bald zum Beruf machen kann und in Wolfsburg als Dolmetscher Arbeit findet. „Das ist meine Stadt“, sagt Mohannad und lächelt, „woanders möchte ich nicht sein.“

Bei Interesse wenden Sie sich bitte an das Integrationsreferat:

Stadt Wolfsburg

Integrationsreferat

Hand in Hand Kurzinfo:

Button mit InfosymbolDas Projekt „Hand in Hand“ ist aus „Mano nella Mano“ entstanden, einem 2013 entwickelten Projekt des Integrationsreferates der Stadt für italienische Zuwanderer. Aktuell arbeiten fast 50 ehrenamtliche Sprachmittler bei Hand in Hand und bieten mehr als 20 Sprachen an, dabei werden Arabisch, Englisch, Persisch und Farsi am häufigsten nachgefragt. Die meisten Einsätze gibt es im Jobcenter, bei Ärzten und im Jugendamt.

„Mano nella Mano“ wurde im vergangenen Jahr vom italienischen Außenministerium für seine Dienste zugunsten italienischer Bürger im Ausland ausgezeichnet. „Hand in Hand“ wird stetig evaluiert und das Sprachangebot wird weiterhin ausgebaut.

Aus zwei Rädern wird eine runde Sache

Hinterreifen von Fahrrädern in einer Reihe„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ zitiert Willy Apwisch mit einem Augenzwinkern Karl Valentin. Mit seinem Kollegen Harrdy Otte organisiert Apwisch jeden Freitag Fahrradtouren mit rund 30 Schülerinnen und Schülern der SPRINT („Sprache und Integration“)-Klassen der BBS2, um den geflüchteten Jugendlichen ihre neue Umgebung näher zu bringen. Die Ziele der Touren sind dabei vielfältig. So ging es zum Beispiel schon zum Tankumsee, nach Oebisfelde, zur Burg Neuhaus oder zum Bernsteinsee.

Gruppenbild der Jugendlichen Fahrradfahrer

Eine besondere Aktion war auch der Besuch bei der Polizei in Vorsfelde. „Viele Jugendliche verbinden mit der Polizei aufgrund ihrerErfahrungenin ihren Heimatländern nicht viel Positives. In Vorsfelde haben sie dahingehend wichtige Erfahrungen gemacht und gemerkt, dass die Polizei auch freundlich und hilfsbereit sein kann“, so Apwisch. Anlass des Besuches war ein Verkehrssicherheitscheck der einzelnen Fahrräder. Diese haben die Jugendlichen nämlich zunächst selbst repariert und gewartet. „Einige Fahrräder entsprachen nicht den eigentlichen Sicherheitsstandards. Es fehlte zum Beispiel an Licht oder Kettenspannung. Wir haben den Jugendlichen dann gezeigt, mit welchem Werkzeug welche Handgriffe zu machen sind und schließlich alle Räder auf Vordermann gebracht“, erläutert Apwisch. Nach dem Besuch der Polizeistation Vorsfelde sind nun alle Räder mit dem Sicherheitscheck-Siegel ausgestattet.

Gruppenbild der jugendlichen Fahrradfahrer von der SeiteDie wöchentlichen Fahrradtouren fördern die Integration der Jugendlichen. Vom Lernen der Verkehrsregeln, über das Zurechtfinden in der neuen Umgebung bis hin zu sozialen Kontakten werden durch die Touren viele Aspekte des lebensweltbezogenen Unterrichts erfüllt. Bei den Ausflügen sei das regelmäßig zu beobachten, so etwa bei der Sternfahrt zum Bernsteinsee, die im Rahmen des Wolfsburger Stadtradelns stattfand. „Bei der Sternfahrt waren neben unserer Gruppe viele weitere Fahrer dabei, die uns gegenüber zunächst etwas reserviert waren. Mit der Zeit sind dann aber freundliche Kontakte entstanden, die Zurückhaltung wurde abgebaut und schließlich gemeinsam Eis gegessen“, berichtet Apwisch erfreut. Mädchen wagten sich teilweise nur langsam an das Rad heran, weil ihnen häufig das Fahrradfahren in ihren Herkunftsländern verboten war. Hier gilt es daran zu arbeiten, die Scheu Stück für Stück abzulegen.

In der Gruppe sind sich alle einig, noch länger gemeinsam fahren zu wollen und auch neue Mitglieder dafür zu begeistern.

Story 9:

Aus zwei Rädern wird eine runde Sache

Hinterreifen von Fahrrädern in einer Reihe„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ zitiert Willy Apwisch mit einem Augenzwinkern Karl Valentin. Mit seinem Kollegen Harrdy Otte organisiert Apwisch jeden Freitag Fahrradtouren mit rund 30 Schülerinnen und Schülern der SPRINT („Sprache und Integration“)-Klassen der BBS2, um den geflüchteten Jugendlichen ihre neue Umgebung näher zu bringen. Die Ziele der Touren sind dabei vielfältig. So ging es zum Beispiel schon zum Tankumsee, nach Oebisfelde, zur Burg Neuhaus oder zum Bernsteinsee.

Gruppenbild der Jugendlichen Fahrradfahrer

Eine besondere Aktion war auch der Besuch bei der Polizei in Vorsfelde. „Viele Jugendliche verbinden mit der Polizei aufgrund ihrerErfahrungenin ihren Heimatländern nicht viel Positives. In Vorsfelde haben sie dahingehend wichtige Erfahrungen gemacht und gemerkt, dass die Polizei auch freundlich und hilfsbereit sein kann“, so Apwisch. Anlass des Besuches war ein Verkehrssicherheitscheck der einzelnen Fahrräder. Diese haben die Jugendlichen nämlich zunächst selbst repariert und gewartet. „Einige Fahrräder entsprachen nicht den eigentlichen Sicherheitsstandards. Es fehlte zum Beispiel an Licht oder Kettenspannung. Wir haben den Jugendlichen dann gezeigt, mit welchem Werkzeug welche Handgriffe zu machen sind und schließlich alle Räder auf Vordermann gebracht“, erläutert Apwisch. Nach dem Besuch der Polizeistation Vorsfelde sind nun alle Räder mit dem Sicherheitscheck-Siegel ausgestattet.

Gruppenbild der jugendlichen Fahrradfahrer von der SeiteDie wöchentlichen Fahrradtouren fördern die Integration der Jugendlichen. Vom Lernen der Verkehrsregeln, über das Zurechtfinden in der neuen Umgebung bis hin zu sozialen Kontakten werden durch die Touren viele Aspekte des lebensweltbezogenen Unterrichts erfüllt. Bei den Ausflügen sei das regelmäßig zu beobachten, so etwa bei der Sternfahrt zum Bernsteinsee, die im Rahmen des Wolfsburger Stadtradelns stattfand. „Bei der Sternfahrt waren neben unserer Gruppe viele weitere Fahrer dabei, die uns gegenüber zunächst etwas reserviert waren. Mit der Zeit sind dann aber freundliche Kontakte entstanden, die Zurückhaltung wurde abgebaut und schließlich gemeinsam Eis gegessen“, berichtet Apwisch erfreut. Mädchen wagten sich teilweise nur langsam an das Rad heran, weil ihnen häufig das Fahrradfahren in ihren Herkunftsländern verboten war. Hier gilt es daran zu arbeiten, die Scheu Stück für Stück abzulegen.

In der Gruppe sind sich alle einig, noch länger gemeinsam fahren zu wollen und auch neue Mitglieder dafür zu begeistern.

Schüler lernen WOB kennen

Wann wurde Wolfsburg gegründet? Wer hat die Stadt geplant? Und wo sind Informationen zu der Stadtgeschichte Wolfsburgs zu finden? Mit diesen und anderen Fragen setzten sich zwölf Schülerinnen und Schüler der Sprachlernklasse der Heinrich-Nordhoff-Gesamtschule (HNG) im Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation (IZS) auseinander.

Die Kinder aus dem Irak, Syrien und Georgien folgten dem Archivpädagogen Aleksandar Nedelkovski gespannt und begeistert durch das Archiv. Dabei durften sie viel ausprobieren und stellten viele Fragen, ob nun beim Durchstöbern von Karteikästen oder zum Bedienen des Microfilm Scanners. Die Geschichte der Stadt Wolfsburg wurde somit im wahrsten Sinne des Wortes greifbar und ein Überblick zu Wolfsburg vermittelt. Dieser wurde im Anschluss an die Archivführung abgerundet, im dem es durch die Stadt bis hinauf auf das Rathausdach ging.Schüler lernen WOB kennen

„Grundsätzlich sind wir offen für alle Interessierten und arbeiten auch schon mit vielen Schulen in Wolfsburg zusammen“ erklärt Nedelkovski. „Gerade für neuzugezogene Jugendliche ist es aber eine tolle Möglichkeit, die Sprache zu lernen, Lehrinhalte zu vermitteln und unsere Stadtgeschichte näher kennenzulernen.“ Es soll mit solchen Führungen in Wolfsburg gezeigt werden, was es in Wolfsburg alles zu entdecken gibt und welche Möglichkeiten die Stadt bietet. Die Identifikation mit der Stadt soll zur Integration beitragen. „Unser Anspruch, die Umwelt bewusst wahrzunehmen und kennenzulernen, richtet sich generell aber an alle Wolfsburger“ stellt Nedelkovski klar.

Schüler lernen WOB kennenDie Idee und der Kontakt zum IZS kamen von den Lehrerinnen der Sprachlernklasse Linda Moreschi-Hachmeister und Lene Hollwege. Auch für sie sind Entdeckungstouren ein wichtiger Teil des Integrationsprozesses. „Die Schülerinnen und Schüler kennen so etwas teilweise gar nicht und sind dementsprechend begeistert. Diese Ausflüge sind für sie Highlights“, berichtet Moreschi-Hachmeister. Sie hebt außerdem hervor: „Es kommt dabei zu interessanten wechselseitigen Prozessen. Im Kunstverein konnte uns eine Schülerin aus Georgien zum Beispiel ein russisches Exponat erklären. Diese Möglichkeiten, selbst etwas zu vermitteln und einmal im Mittelpunkt zu stehen, helfen weiter und fördern das Ankommen.“

Im Mittelpunkt sollen außerdem bald die Fotos stehen, die die Jugendlichen während ihrer Exkursionen selbst machen. Am 20. Juni werden sie zum Weltflüchtlingstag an einem Stand des IZS auf dem Hugo-Bork-Platz präsentiert.

Kinder erzählen über ihre Idee eines Zuhauses

Kinder während einer Aufführung im Jugenzentrum WesthagenEine Reihe mit Stühlen steht für die Zuschauer bereit. Elf Kinder haben ihre Position auf der provisorischen Bühne eingenommen, welche mit weißem Klebeband auf dem Boden markiert ist. Die Zuschauer warten gespannt darauf, dass die Vorstellung beginnt. Ein lauter Ausruf eines Jungen in einer fremden Sprache unterbricht die Stille im Raum. Zu rhythmischer Musik klatschen die anderen Kinder mit den Händen auf den Boden. Es geht los!

Die Aufführung ist das Resultat eines zweitägigen Begegnungsworkshops, den die Jugendförderung der Stadt Wolfsburg organisierte, um Kinder aus Wolfsburger Stadtteilen und Flüchtlingskinder zusammenzubringen. Das Motto: „Zuhause – Ankommen“. „Die Flüchtlingskinder wohnen jetzt hier und wir wollten ihnen unser Angebot näher bringen“, erklärt Marion Piecha, Mitarbeiterin der Jugendförderung der Stadt Wolfsburg.

Mädchen und Jungen im Alter von acht bis zwölf Jahren nahmen an dem kulturpädagogischen Workshop im Freizeit- und Bildungszentrum Westhagen teil, den Theaterpädagogin Tania Klinger vom Feuer und Flamme Theater in Braunschweig leitete: „Wir haben Übungen zur Förderung der Konzentration gemacht und uns spielerisch dem Schauspiel genähert.“

Die Aufführung läuft: Die Kinder tanzen unbeschwert zu orientalisch angehauchter Musik – sie wirken glücklich, lächeln und hüpfen. Die Szene symbolisiert, dass die Flüchtlingskinder einst durchaus unbeschwerte Tage in ihrer Heimat erlebten. Jedes Kind hält einen Koffer in der Hand. Ein Mädchen beginnt eine Reihe zu bilden, die anderen Kinder stellen sich an. Leise flüstern sich die Mädchen und Jungen Kommandos zu. Mit viel Geschick helfen sie sich gegenseitig, die unterschiedlich großen Koffer von hinten nach vorne durchzureichen, um sie dort ordentlich aufzustellen. Teamarbeit ist gefragt.Kinder während einer Aufführung im Jugenzentrum Westhagen

Der Workshop bot den Mädchen und Jungen die Möglichkeit, sich untereinander kennenzulernen, gegenseitig zu unterstützen und etwas über andere Kulturen zu erfahren. Berührungsängste hätten die Kinder nicht gehabt, sagt Tania Klinger: „Sprachlich gab es aber schon einige Schwierigkeiten, das war eine Herausforderung. Aber die Kinder haben sich gegenseitig geholfen.“

In der Abschlussszene erklären die Kinder, was für sie „Zuhause“ bedeutet. „Ich fühle mich zu Hause, wenn ich mit meiner kleinen Schwester spielen kann und meine Kuscheltiere bei mir sind“, sagt ein Mädchen in perfektem Deutsch. Einem anderen Mädchen fällt es noch schwer, sich in der für sie fremden Sprache auszudrücken. Sie erzählt: „Ich fühle mich zu Hause, wenn ich mit meiner Schwester spielen kann.“ Egal, ob einheimisches Kind oder Flüchtlingskind – es zeigt sich, dass das Zuhause mehr ist als nur die geografische Lage oder die Besonderheit einer Kultur. Das ist die Botschaft, die das Publikum an diesem Tag mitnimmt.

Das DRK bietet am Steimker Berg Flüchtlingen eine Erstausstattung mit Kleidung und gleichzeitig einen Ort der Begegnung

Es ist Montagnachmittag. Vor der Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) im Walter-Flex-Weg 12 am Steimker Berg haben sich einige Menschen versammelt. Darunter sind viele Frauen mit Kindern, aber auch einige Männer. Die Leiterin der Kleiderkammer, Tanja Weiler, steht in dem Haupteingang des Gebäudes und erklärt den wartenden Menschen, dass sie ruhig erst einmal in die Räume des neuen Begegnungscafés kommen und dort einen Schluck Kaffee trinken können, bis im Keller die Ausgabe beginnt. Kurz herrscht wuseliges Treiben. Die Wartenden wirken etwas ungeduldig, kommen dann aber einer nach dem anderen herein, sagen im Vorbeigehen freundlich lächelnd „Hallo“. Eine junge Frau fragt, ob sie hier denn auch einen Koffer bekommen könne.

Das kann sie – ab 15 Uhr. Neben Kleidung für Frauen, Männer und Kinder werden auch Kindermöbel, Koffer, Taschen, Bettwäsche, Bade- und Handtücher, Gürtel, Tücher bis hin zu Schmuck, Haushaltswaren, Büchern und Spielzeug ausgegeben. Sogar ein Hochzeitskleid findet sich zwischen den vielen Spenden. Außerdem bringen einige Wolfsburger regelmäßig Selbstgestricktes vorbei. Taschen und Koffer sind allerdings nicht in großen Mengen vorhanden. Es kann nur ausgegeben werden, was abgegeben wurde. Dazu haben Spender von Montag bis Donnerstag die Möglichkeit, jenseits der Öffnungszeiten aber auch über einen Container.

Freiwillige Helferin Karin Wischmann sortiert Kleider in der Kleiderkammer der DRKFoto: Freiwillige Helferin Karin Wischmann sortiert Kleider in der Kleiderkammer der DRK

Erstaufnahme der Flüchtlinge stellte große Herausforderung dar

Im Jahr 2015 hat die Kleiderkammer circa 18.000 Sachen ausgegeben. Eine große Herausforderung war der Beginn der Erstaufnahme von Flüchtlingen im Herbst 2015. Es gab plötzlich viele Kunden und einen großen Bedarf. „Als das bekannt wurde, wurde so viel gespendet, dass wir zusätzliche Lagerräume brauchten“, erzählt Weiler, die mit einer Teilzeitstelle die einzige fest Angestellte in der Einrichtung ist. „Die Wolfsburgerinnen und Wolfsburger sind sehr spendabel“, bestätigt Karin Wischmann. Sie ist eine von rund 30 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. Seit einem Aufruf in der Zeitung im September 2015 hilft sie montags und dienstags, insgesamt circa 50 Stunden im Monat. „Ich bin Rentnerin und die ehrenamtliche Arbeit hier erfüllt mich“, sagt sie.

Die Ausgabe findet an vier Tagen in der Woche für jeweils zwei Stunden statt. In der restlichen Zeit des Tages sortieren gleichzeitig zwischen sechs und acht Helfer die Kleidung, Haushaltswaren und weiteren Spenden. Die Kleidung liegt gestapelt in großen Plastiksäcken in dem hinteren Bereich der Kammer. Kaputte und dreckige Sachen werden aussortiert. Der Rest wird größtenteils auf Bügel an Kleiderstangen gehängt und auf die verschiedenen Räume für Kinder-Sachen, Damenkleidung, Herrenkleidung, Haushaltswaren und Bücher verteilt. Kleine Sachen werden gegebenenfalls gefaltet in Schubladen gelegt. Die Räume und Kleiderstangen sind auf Deutsch und Arabisch sowie mit Bildern gekennzeichnet.

Gute Stimmung und gegenseitige Unterstützung

Die Helferinnen und Helfer sind verschiedener Herkunft. Zwischen ihnen herrscht eine lockere Stimmung. Wenn sie unsicher sind, fragen sie sich gegenseitig nach der Einschätzung: Ist das noch gut oder soll das lieber weg? Immer wieder wird gescherzt, besonders schöne Kleidung den anderen gezeigt. Auch einige Flüchtlinge helfen mit: Einige Männer etwa auch beim Reparieren von Maschinen und beim Aufräumen von Hof und Räumen.

In der Kleiderkammer ist niemand der Flüchtling oder die Bedürftige, die Helfer sind Helfer und die Kunden werden als Kunden bezeichnet. Die Verständigung mit den Menschen verschiedener Herkunft ist natürlich nicht immer einfach. Mit der richtigen Gestik klappt es dann aber meistens doch. Einige deutsche Begriffe scheinen den Menschen auch schon bekannt zu sein. In anderen Fällen hilft Saibi Atef. Er unterstützt als Dolmetscher für Arabisch, Englisch und Französisch. 1993 ist er aus Tunesien nach Wolfsburg gekommen. „Deutschland ist das beste Land, was es gibt“, ist er sich sicher.  

Ruhiger und geordneter Einkauf zum kleinen Preis

Um kurz vor 15 Uhr steht die Schlange der Wartenden dann wieder vom Eingang der Kleiderkammer im Keller, die Treppe hinauf bis in den Hof. Es ist an diesem Märztag zwar noch etwas kühl, aber immerhin scheint die Sonne freundlich. Je nach Andrang werden die Kunden nach und nach in die Räume gelassen.

Freiwillige Helferinnen der DRK Kleiderkammer (Von links: Karin Wischmann, Julie Husener, Justina Franke)Foto: Freiwillige Helferinnen der DRK Kleiderkammer (von links: Karin Wischmann, Julie Husener, Justina Franke)Beim Eintritt in die Kammer erhält jeder eine große Tasche, in der die Ware beim Einkauf gesammelt werden kann. Erstaunlich ruhig und geordnet suchen sich die Kunden die Ware aus. Eine Frau hält auf dem einen Arm ihr Kleinkind, während sie mit dem anderen Arm die Kleidung durchschaut. Als ihr Mann sieht, wie umständlich das ist, nimmt er ihr den kleinen Jungen ab. Zum Schluss gibt jeder seine befüllte Tasche am Tresen ab, wo das Personal wie in jedem anderen Geschäft auch die Kosten berechnet. Die Kunden müssen geringe Preise zwischen 50 Cent und maximal 10 Euro pro Stück zahlen. Als Flüchtlinge zur Erstaufnahme nach Wolfsburg kamen, gab es für sie eine Erstausstattung mit dem Nötigsten gratis.

Begegnungscafé zum Austausch von Erfahrungen

Zu Anfang kamen viele Flüchtlinge nur mit Schlappen und ohne Socken in die Kammer. Einige wollten auch keine Socken annehmen, da sie sie nicht gewohnt waren. Aber nach der ersten Erfahrung mit dem deutschen Winter kam die Einsicht und die Socken wanderten schließlich doch in die Einkaufstasche, berichtet Tanja Weiler. „Die haben sie dann auch noch nachträglich im Rahmen der Erstausstattung bekommen“, sagt sie mit einem kleinen Zwinkern. Solche Erfahrungen mit den unterschiedlichen Prägungen, die die Menschen aus ihren Heimatländern mitbringen, treten wohl öfter zu Tage.

Um sich darüber auszutauschen und sich gegenseitig kennenzulernen gibt es deshalb für die neuen und langjährigen Wolfsburger am Rande der Kleider-Ausgabe an jedem zweiten Montag ein Begegnungscafé. Weiler berichtet über die ersten Erfolge: „Eine Mitarbeiterin der Malteser hat eine Frau mitgebracht, die ihre Situation in der Flüchtlingsunterkunft unglaublich deprimiert hat. Als sie hier ankam, sah sie so unglücklich aus. Aber schon nach dem ersten Besuch wurde ihre Stimmung ganz anders. Jetzt kommt sie regelmäßig her und backt zum Beispiel Plätzchen für das Begegnungscafé. Sie hier so glücklich zu sehen ist eine tolle Belohnung für unsere Arbeit!“

Abbau der GS7 Alt Wolfsburg Flüchtlinge helfen bei dem Abbau der Erstaufnahmestelle in Alt Wolfsburg

„Ich freue mich darüber, dass wir alle zusammen in der Sporthalle arbeiten – das macht Spaß!“, sagt Hawar Abdulla (40) aus Kurdistan. Der ehemalige Taxifahrer und Soldat gehört zu den 20 Flüchtlingen, die beim Abbau der Notunterunterkunft in der Grundschule 7 in Alt Wolfsburg halfen. Seit Oktober 2015 lebten in der Sammelunterkunft etwa 150 Menschen in neun Quadratmeter großen Räumen, die durch Bauzäune voneinander getrennt waren.  Seit Mitte Januar sind sie zwischenzeitlich in die Sporthalle  in Barnstorf umgezogen, nun wohnen sie in der neuen Unterkunft im Heinenkamp.

Da die Halle der GS7 nicht mehr als Notunterkunft benötigt wird, wurde sie nun ausgeräumt, damit nach Ostern die ausgesetzten Renovierungsarbeiten fortgesetzt werden können. Weil viele Flüchtlinge eine Beschäftigung suchen und sich nützlich machen möchten, hatten die Stadt Wolfsburg und die Wolfsburger Beschäftigungsgemeinnützige GmbH (WBG) die Idee, dass einige von ihnen beim Abbau helfen. Die WBG ist sowohl Betreiber von Flüchtlingsunterkünften als auch Dienstleister im Bereich der arbeitsmarktpolitischen Qualifizierung. Roberto Schönfeld, Abteilungsleiter des Flüchtlingsbereichs der n@twork GmbH, ein Tochterunternehmen der WBG, berichtet zufrieden: „Wir starteten einen Aufruf in der Unterkunft und es fanden sich schnell etliche Helfer“. Die Flüchtlinge organisierten sich sogar untereinander und  erstellten eine Liste auf der ganz genau notiert wurde, wer wann wo hilft. Schönfeld  erzählt am Rande über seine Begegnungen mit Flüchtlingen und über die Herausforderungen, vor denen diese Menschen in Deutschland stehen. „Vor dem Krieg hatten diese Menschen ein gutes Leben in ihrer Heimat“, erklärt er.

Um Punkt 9 Uhr gingen die Abbauarbeiten los - es wurde gehämmert, getragen und aufgeräumt. Die freiwilligen Helfer und fünf Mitarbeiter der n@twork GmbH, die auch als Dolmetscher zur Verfügung standen, wurden in verschiedene Teams aufgeteilt. Ein Team baut die Betten auseinander, ein anderes kümmert sich um die Matratzen, ein anderes bringt die Betten und Zäune zu den LKWs. Trotz kleiner sprachlicher Hindernisse wusste jeder, was zu tun war. „Die Flüchtlinge kennen die Unterkunft, sie haben selbst in solch einer Unterkunft gewohnt. Das macht es einfach“, so Schönfeld.

Die zwei LKWs der Feuerwehr pendelten zwischen der Sporthalle und der Leonardo-da-Vinci Gesamtschule hin und her. In den Räumen der Gesamtschule werden die Betten, Matratzen und die noch unbenutzten Bettbezüge gelagert. Alles andere kommt in den Abfall-Container. Vor allem aufgrund der Kosten für die Reinigung und die fehlende Kapazität zur Lagerung der Gegenstände lohnt sich die weitere Verwendung nicht.

Die GS7 ist schnell geräumt – innerhalb von drei Stunden verwandelte sich die Halle von einer temporären Unterkunft für 150 Menschen zurück zu einem Raum, der wieder deutlich als Sporthalle zu erkennen ist. Bis die Sporthalle wieder genutzt werden kann, wird es noch eine Weile dauern. Die Bauarbeiten zur Sanierung der Halle werden wieder aufgenommen, sodass sie nach den Sommerferien wieder für den Schulsport nutzbar ist.

Abdulla, der über ein Jahr gegen den IS kämpfte und nun schon seit drei Monaten und 20 Tagen in Deutschland ist, würde immer wieder mitanpacken. Leicht außer Atem und mit Schweiß auf der Stirn erklärt er: „Ich mache es für Deutschland.“  

Fahrräder vor der Firma Zweirad WichmannMobilität – es ist ein wichtiges und zentrales Thema für die Menschen in Wolfsburg. Mobilität bedeutet Bewegung. Es verschafft Selbständigkeit und ermöglicht die Teilnahme am alltäglichen Leben. Genau deshalb starteten die Mitarbeiter der Bürgerdienste der Stadt Wolfsburg und die Mitarbeiter der Firma Zweirad-Wichmann ein gemeinsames Projekt. Als Ergebnis spendeten sie der Flüchtlingsunterkunft Dieselstraße 25 restaurierte Fahrräder, die den Bewohnern nun zur Verfügung stehen.

Sie sind schon viel früher da als geplant, die jungen Männer aus der Flüchtlingsunterkunft in der Dieselstraße 36. Sie kommen aus den verschiedensten Ländern: Afghanistan, Syrien, Sudan, Nigeria, Irak und der Elfenbeinküste. Sie stehen um die 25 Fahrräder herum, die aufgereiht vor dem alt eingesessenen Fahrradgeschäft Zweirad-Wichmann auf sie warten. Sie unterhalten sich, teils in ihrer Heimatsprache, teils auf Englisch, über bestimmte Aspekte und Vorteile eines bestimmen Fahrrads. Ein junger Mann in den 20ern hat sogar schon seine Jacke und seinen Rucksack auf das Lenkrad eines schwarzen Mountainbikes gehängt – ein Zeichen dafür, dass genau dieses Fahrrad sein Favorit ist. Eine andere Gruppe junger Männer kommt dazu. „Die Jungs sind schon ganz ungeduldig und aufgeregt. Sie stehen hier schon seit fast 20 Minuten“, erzählt Nils Seller, Mitarbeiter der Firma Zweirad-Wichmann.

Wenn man die jungen Männer beobachtet, bekommt man den Eindruck, als seien die Fahrräder etwas ganz Besonderes. Für die Bürgerdienste der Stadt sind die Räder jedoch Tagesgeschäft. Jedes Jahr finden sie aufs Neue etliche herrenlose Fahrräder auf Wolfsburgs Straßen. Die Fundstücke werden normalerweise eingesammelt und wie vorgefunden versteigert. Dieses Mal entschlossen die Mitarbeiter der Bürgerdienste in Kooperation mit Zweirad-Wichmann die Fundstücke zu reparieren und an die Flüchtlingsunterkunft in der Dieselstraße zu verschenken. Ganze 35 Fahrräder transportierte die Wolfsburger Abfallwirtschaft und Straßenreinigung in einem Container, jedoch waren nur 25 Räder tatsächlich brauchbar. „Teilweise erhielten wir nur halbe Fahrräder, also mussten wir erst einmal aussortieren“, erklärt Seller.

Seller und sein Kollege Thomas Schulz waren knapp drei Wochen täglich damit beschäftigt, die Räder zu reparieren – sie investierten geschätzte 50 Stunden. „Das war eine Herausforderung für meine Jungs“, erklärt Inhaberin Ina Wichmann. Ihre beiden Mitarbeiter stimmen nickend zu. Zusammen flickten sie etliche Reifen, befestigten neue Schutzbleche und pumpten mehrere Reifen auf – und das alles während ihrer normalen Arbeitszeit. „Alle Fahrräder haben ein Schutzblech und Licht und sind verkehrssicher. Das ist erst einmal die Hauptsache“, berichtet Seller. „Das ist einfach eine tolle Aktion.“   

Während die Räder restauriert wurden, informierten die Mitarbeiter der Verkehrswacht Wolfsburg e.V. die Neuankömmlinge über die hier geltende Straßenverkehrsordnung. Schnell wurde klar, dass als selbstverständlich erscheinende Verkehrsregeln in Deutschland in anderen Ländern eher ungewöhnlich sind.  „Wir haben ihnen grundsätzliche Sachen erklärt, beispielsweise die Bedeutung verschiedener Straßenschilder“, erläutert Mitarbeiter Klaus Seifert. Aus seinen Erzählungen geht hervor, dass auch die Flüchtlinge Spaß am Verkehrsunterricht hatten. Laut Seifert war eine der meist gestellten Fragen, wie viele Personen denn auf einem Fahrrad transportiert werden könnten. „Natürlich nur eine“, antwortet der freundliche Mann schmunzelnd.

„Durch die Fahrräder können die Flüchtlinge selbst mobil werden und noch mehr an dem Leben in Wolfsburg teilhaben“, erklärt Michael Sothmann, Leiter des städtischen Geschäftsbereichs Bürgerdienste. Ungeduldig warteten die jungen Männer beim Übergabetermin dementsprechend auf den Moment, endlich auf ihr Fahrrad steigen und losfahren zu können. Für sie bedeutet die neu gewonnene Mobilität neu gewonnene Freiheit. 

„Unsere Hilfe ist nötiger denn je“

Vorsitzender der Flüchtlingshilfe Ulrich Raschkowski und festangestellte Berater Omran Zurab Immer mehr Menschen fliehen vor Krieg, Verfolgung, Hunger und Not und finden in Wolfsburg eine neue Heimat. Wie die Flüchtlingshilfe sie bei der Integration unterstützt und wo sie an die Grenzen kommt, berichten deren Vorsitzender Ulrich Raschkowski (70) und der festangestellte Berater, Omran Zurab (49).

Was macht die Flüchtlingshilfe?
Raschkowski: Die Flüchtlingshilfe ist ein gemeinnütziger eingetragener Verein mit 40 Mitgliedern, der sich seit 1987 um Flüchtlinge in Wolfsburg kümmert. Wir bieten Flüchtlingen Direktberatung, Sprachkurse und weitere Aktivitäten zur Integration an. Außerdem akquirieren wir Spenden, die wir direkt an Projekte für Flüchtlinge weiterleiten. Wir besuchen politische Gremien, Ausschusssitzungen, Arbeitsgruppen. Viele Unterstützerkreise haben sich in den letzten Wochen und Monaten in der Nähe von Flüchtlingsunterkünften und Erstaufnahmelagern gebildet, wir unterstützen sie bei der Koordination.

Wie hat sich Ihre Arbeit in den vergangenen Monaten angesichts der steigenden Zuwanderung verändert?
Raschkowski: Da immer mehr Menschen vor Krieg, Verfolgung, Hunger und Not zu uns fliehen, ist unsere Hilfe nötiger denn je. Die Nachfrage nach ehrenamtlicher Hilfe mit dem Angebot vieler hundert Hilfewilligen zusammenzubringen, ist für uns derzeit kaum zu leisten.  Seit Sommer haben wir dank Unterstützung eine eigene Website: fluechtlingshilfe-wolfsburg.de. Dort findet man Informationen über unsere Arbeit, aber auch die Möglichkeit, über ein Meldeformular Hilfe anzubieten. Viel versprechen wir uns von dem neuen Internetportal www.wolfsburg.de/bringt-zusammen.

Wo kommen Sie an Ihre Grenzen?
Raschkowski: Wir kommen an unsere Grenzen, persönlich noch mehr Zeit aufzubringen. Die politische Arbeit hat zugenommen – also Gremienbesuche und Ausschusssitzungen. Bei Spendenübergaben wünschen sich die Spender oft, dass ein Vertreter die Arbeit der Flüchtlingshilfe vorstellt. Dadurch, dass die Zahl der Flüchtlinge wächst, nimmt auch deren Beratungsbedarf zu. Unsere Beratungszeiten haben sich innerhalb von drei Jahren vervielfacht. 2012 haben wir noch drei Stunden Beratung pro Woche angeboten, inzwischen sind es 18 Stunden pro Woche.

Mit welchen Sorgen kommen die Flüchtlinge zu Ihnen?
Zurab: Viele Flüchtlinge sind verunsichert und haben Angst um ihre Zukunft. Sie wollen wissen, wann sie registriert werden, ob sie danach gleich eine neue Unterkunft zugewiesen bekommen. Auch haben sie häufig Fragen zu ihrem Status. Wir helfen ihnen, ihr Asylverfahren zu beschleunigen, indem wir sie zum Beispiel beim Schriftverkehr mit den Behörden unterstützen.

Wie erleben Sie die Stimmung gegenüber den Flüchtlingen hier in Wolfsburg?
Raschkowski: Die Wolfsburgerinnen und Wolfsburger gehen zumeist mit einer offenen positiven Haltung auf die Flüchtlinge zu und zeigen viel Engagement. Es ist toll, dass sich so viele Ehrenamtliche, aber auch Parteien und Kirchen, in Unterstützerkreisen einbringen. Mit ihren Aktionen erleichtern sie den Flüchtlingen die Integration in eine Gesellschaft, die ihnen oft fremd ist.

Was wünschen Sie sich für die Flüchtlinge in Wolfsburg?
Raschkowski: Ich wünsche mir das Wohnungsangebot von Goslar, wo anders als hier viel Wohnraum leer steht, verbunden mit dem hiesigen Arbeitsplatzangebot. Doch das ist eine Illusion. Aber im Ernst: Ich wünsche mir, dass Politik und Verwaltung mehr Wohnungen für Flüchtlinge quer über das Stadtgebiet verteilt schaffen. Die Menschen sollten ihre Offenheit gegenüber den Flüchtlingen beibehalten. Dass wir die Flüchtlinge willkommen heißen, ist ein erster Schritt zu deren Integration!

Adventskalender erfreuen Flüchtlingskinder

In der Erstaufnahmestelle Grundschule 7-Alt Wolfsburg steht die möglichst schnelle und reibungslose Integration der Flüchtlinge an erster Stelle. Es stellt sich heraus: Die besinnliche Adventszeit ist ideal, um dieses Ziel zu erreichen.  

Adventskalender der Oskar Kämmer SchuleDer Adventskalender, er ruft bestimmt in jedem nostalgische Kindheitserinnerung wach: das Motiv eines verschneiten und romantischen Städtchens, 24 Türen die sich Tag für Tag öffnen lassen und hinter denen sich ein Stück leckere Schokolade verbirgt. In Deutschland hat das Verschenken von Adventskalendern an Kinder Tradition. Dieser lieb gewonnene Brauch ist aus der Vorweihnachtszeit kaum wegzudenken. Genau aus diesem Grund verschenkten Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) traditionelle Adventskalender an 33 Flüchtlingskinder in der Erstaufnahmestelle Grundschule 7 - Alt Wolfsburg. Die Integration der Flüchtlinge steht für die Mitarbeiter mit an erster Stelle – und zwar von Beginn an.

 „Adventskalender gehören einfach zur Weihnachtszeit“, erklärt Janina Weinert, Mitarbeiterin des DRK, während ein kleiner Junge sich an ihrem linken Bein festhält und auf die Adventskalender auf der Fensterbank zeigt. Sie dreht sich zu ihm und verspricht ihm, dass auch er einen der Adventskalender bekommt. In der Kantine herrscht Getümmel: Kinder spielen miteinander, Erwachsene trinken Kaffee, Jugendliche laden ihre Handys auf, andere betrachten interessiert die Adventskalender, die die Oskar-Kämmer-Schule gespendet hat.

„Hier fängt selten etwas pünktlich an“, scherzt Weinert, als sie versucht, die Aufmerksamkeit der Kinder zu ergattern. Langsam versammeln Kinder sich auf den Sitzbänken, andere auf Tischen. Weihnachtsmusik klingt leise aus einem tragbaren Lautsprecher. Weinert erzählt: „Kinder bekommen in Deutschland einen Adventskalender, um die Wartezeit auf Weihnachten zu verkürzen und die Vorfreude zu steigern.“ Eine andere Mitarbeiterin übersetzt die Worte ins Arabische. Die Kinder hören zu, dabei wandern ihre Blicke immer wieder verstohlen zu den Adventskalendern auf der Fensterbank.

Nach dem gemütlichen Beisammensein übergeben die DRK-Mitarbeiter jedem Kind persönlich einen Adventskalender. Sie zeigen ihm das erste Türchen und helfen dabei, es zu öffnen. Ein paar jüngere Kinder drängeln sich durch die Beine der größeren nach vorne, in der Hoffnung, ihr Geschenk schneller zu bekommen. Die Reihenfolge wird jedoch strikt eingehalten. Selbst ein paar Erwachsene mischen sich in die Gruppe und bitten spaßend um einen Adventskalender. Weinert vertröstet sie mit einem Lachen. Die Stimmung ist ausgelassen, das Verhältnis zwischen Mitarbeitern und Flüchtlingen herzlich und vertrauensvoll.

„Die Integration von Beginn an ist uns wichtig. Deutschkurse tragen ihren Teil dazu bei. Durch besondere Bräuche zu Feiertagen können die Flüchtlinge unsere Traditionen aber auch live miterleben. Deswegen machen wir solche Veranstaltungen“, erklärt Weinert. Und tatsächlich lässt sich die deutsche Kultur auf diese Weise beinahe spielerisch vermitteln. Während die Adventskalender noch verteilt werden, wünschen sich Kinder und Erwachsene „Frohe Weihnachten“ – ein erstes Stück gelungener Integration!

Die gebürtige Iranerin Shabnam Behdad-Weidemann kam vor 29 Jahren als Flüchtling nach Deutschland und hilft heute als Farsi-Dolmetscherin in den Einrichtungen Flüchtlinge Shabnam

Es ist das Jahr 1986. Es herrscht Krieg im Iran, sogar Kinder werden als Soldaten auf Minenfelder geschickt. Shabnam Behdad-Weidemann ist gerade 10 Jahre alt, als sie mit ihren Eltern und ihren beiden Brüdern vor diesem Krieg flieht. Vor 29 Jahren kam sie aus Teheran als Asylbewerberin nach Deutschland, heute ist sie bestens integriert. Sie machte Abitur, studierte Jura, heiratete einen deutschen Mann und hat mit ihm drei Kinder. „Trotzdem weiß ich noch, wie es ist, ein Flüchtling zu sein“, sagt die heute 40-Jährige. 

Jetzt, wo Tausende Flüchtlinge auch in unsere Region strömen, möchte Shabnam Behdad-Weidemann ihre Erfahrungen und ihre Sprachkenntnisse einbringen. Ihre Muttersprache ist Farsi, Dolmetscher werden in den Unterkünften in Wolfsburg dringend gesucht. Als sie einen Aufruf der Flüchtlingsunterkunft Dieselstraße auf Facebook liest, meldet sie sich. Kurze Zeit später ist sie vor Ort und trägt die Sorgen und Nöte der angekommenen Flüchtlinge an die verantwortlichen Stellen weiter. 

Inzwischen besucht sie regelmäßig beinahe alle festen Flüchtlingsheime und die zu Erstaufnahmelagern umfunktionierten Sporthallen im Stadtgebiet. „Gerade die afghanischen Frauen sind sehr scheu und verschlossen. Auch wenn sie lächeln, kann man daran nichts über ihren Gemütszustand ablesen“, sagt die herzliche Frau, die die Werte ihrer eigenen Heimat, Wärme und Gastfreundschaft, aber als konvertierte Christin auch Nächstenliebe lebt. In der vertrauten Sprache würden sie sich öffnen. Eine Frau erzählte ihr, dass sie fast 4000 Kilometer mit gebrochenem Zeh und in zu großen Schuhen gelaufen sei. Kinder seien ohne Jacken, ohne Socken und Schuhe unterwegs gewesen. Eine junge Mutter vertraute ihr an, dass sie an Eisenmangel leide und dabei einen Säugling zu stillen habe. 

Zuhören, trösten, helfen – das sieht Shabnam Behdad-Weidemann als ihre Aufgabe. Mütter mit ihren kranken Kindern begleitet sie zur Notfallversorgung ins Krankenhaus. Für die Kinder in den Flüchtlingseinrichtungen spendet sie abgelegte Kleidung ihres eigenen Nachwuchses. Einem 19-Jährigen, der Maschinenbau studieren möchte, versucht sie, in der Firma ihres Mannes, selbst Maschinenbauingenieur, einen Praktikumsplatz zu beschaffen. Außerdem organisiert sie in verschiedenen Unterstützerkreisen die ehrenamtliche Hilfe mit. Abends, wenn ihre eigenen drei Kinder im Bett sind, kommt sie beispielsweise in die Ballsporthalle nach Mörse, um sich nach dem Befinden der Bewohner zu erkundigen. Und die Familien, die jungen Mütter und auch die Kinder sind froh, mal wieder vertraute Worte zu hören.

An diesem Abend bringt die bei den Maltesern registrierte ehrenamtliche Helferin Wörterbücher Deutsch-Farsi mit, die ihre Kirchengemeinde aus Spenden finanzierte. „Gerade die jungen Flüchtlinge sind hochmotiviert, sie brennen darauf, die Sprache zu lernen“, schildert sie ihre Beobachtungen. Und so vertiefen sich die Beschenkten in die Lektüre. Auch die deutsche Kultur und Lebensweise bringt die gebürtige Iranerin den Flüchtlingen näher. Sie berichtet ihnen von Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, von Rechten für Kinder. Sie weist sie daraufhin, dass „die Deutschen sehr ehrlich sind und meinen, was sie sagen.“ 

Vieles müssten Syrer, Afghanen oder andere Bevölkerungsgruppen erst lernen – beispielsweise dass Müll in Deutschland in den Papierkorb gehört und Batterien im Sondermüll entsorgt würden. „Ich möchte, dass die Integration gelingt“, sagt Shabnam Behdad-Weidemann. Sie selbst denkt inzwischen Deutsch, sie fühlt Deutsch – „Deutschland ist meine Heimat.“

Fragen und Antworten zur Flüchtlingssituation in Wolfsburg

Integration ist eine Chance für Wolfsburg und Zuwanderung ein Gewinn für unsere Gesellschaft

Um Vorurteilen und Misstrauen entgegenzuwirken, wollen wir Sie nach aktuellem Stand informieren – zum Beispiel mit dieser Broschüre

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